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Thomas Nicolai, überlebender des Zweiten Weltkriegs, besucht Ausstellung in der Flohburg „Orte des Erinnerns“

Donnerstag, 06. Juni 2024, 17:24 Uhr
Thomas Nicolai, überlebender des Zweiten Weltkriegs, besucht Ausstellung in der Flohburg „Orte des Erinnerns“

Nordhausen (psv) Das war ein emotionaler Besuch. Thomas Nicolai, geboren um 1934 in Nordhausen, verlor seine Eltern und seine Geschwister am 4. April 1945, als eine Bombe sein Haus komplett zerstörte. Am 6. Juni 2024, besuchte er gemeinsam mit seinem Sohn die Sonderausstellung in der Flohburg „Orte des Erinnerns – Nordhausen April 1945“. Leiter des Stadtarchivs, Dr. Wolfram G. Theilemann führte die beiden durch die Ausstellung.
Thomas Nicolai mit seinem Sohn und Leiter des Stadtarchivs Dr. Wolfram G. Theilemann (Foto: ©Stadtverwaltung Nordhausen) Thomas Nicolai mit seinem Sohn und Leiter des Stadtarchivs Dr. Wolfram G. Theilemann (Foto: ©Stadtverwaltung Nordhausen)

Das Heim der Familie Nicolai lag in der Hans-Schemm-Straße 6 – heutige Erzberger Straße. Die Straße wurde 1936 nach einem bayerischen NSDAP-Gauleiter benannt. Das Doppelhaus Nr. 6/8 wurde am 4. April 1945 als einziges dieser Straße durch einen Volltreffer zerstört. Fast alle Familienmitglieder Nicolai kamen ums Leben:
  • Walter Julius Nicolai | geb. 1896, Gewerbeoberlehrer, begabter Zeichner und Volkssturmmann
  • Linda Hedwig Erna geb. Junghanns (seine Gattin) | geb. 1907, Hausfrau, sowie ihre Kinder
  • Eberhard | 15 ¾ Jahre, HJ-Fähnleinführer, Flakhelfer, Schüler
  • Johanne Frida Renate | 12 ¾ Jahre, HJ-Jungmädel, Schülerin
  • Erna Barbara (Bärbel) | (3 ¼ Jahre)
  • Ulrike Christiane | (1 ½ Jahre).

Nur Thomas (10 ½ Jahre, Jungvolk, HJ-Kandidat, Schüler) wurde u.a. von Genesenen aus dem Lazarett im »Arnoldheim« am Ammerberg gerettet und erinnert sich: „So saß ich befreit allein auf den Trümmern. Die Rettungsmannschafft bemühte sich mit der Bergung von Horst, einem befreundeten Nachbarsjungen der Familie Schmalz aus Nr. 8, als plötzlich einer der Soldaten rief: ›Deckung – Tiefflieger‹. Ich schaute gerade auf die nicht verschüttete Ecke des deckenlosen Kellers der Familie Schmalz. Dort stand fast unversehrt ein Regal mit Einweckgläsern mit Gartenobst. In diesem Moment hörte ich, wie ein Mustang- oder Moskito-Jagdbomber im Tiefflug auf die rettende Menschenansammlung auf dem Trümmerberg zuflog und sah, wie eine MG-Garbe dieses Regal traf. Noch heute sehe ich, wie der rote Kompottsaft in alle Richtungen spritzte.«

Nach dem Verlust seiner Eltern, Geschwister und seines Heims, zog er zu seinen Groß- und dann Stiefeltern, die ihn bei sich in Dresden aufnahmen. Beim Erzählen stockt Thomas Nicolai immer wieder, nach all den Jahren kann man die Emotionen ganz deutlich fühlen. Es scheint, als hätte er seine Existenz behalten, aber sein Leben in dem Haus seiner Eltern und Geschwister gelassen.

Als er seine Frau kennenlernte und sie schwanger wurde, äußerte Thomas Nicolai den Wunsch, das ungeborene Kind, sollte es ein Mädchen werden, nach seiner jüngsten verstorbenen Schwester, Ulrike Christiane, zu benennen. Es wurde es Mädchen. Ulrike Christiane.

Sehr selten ist er in Nordhausen. Es waren immer mal kurze Besuche seit 1945. Bei jedem Einzelnen bringt er Blumen auf den Friedhof, ans Grab seiner Familie, welches bis heute existiert. Seit 79 Jahren lebt Thomas Nicolai in Dresden.
„Man kann Krieg den nachkommenden Generationen nicht erklären. Das ist alles so weit weg. Um Krieg zu verstehen, muss man ihn erleben, aber ich bete dafür, dass das niemand mehr durchleben muss“, sagt Thomas Nicolai beim Verlassen der Flohburg.

Noch bis zum 21. Juli 2024 ist die Ausstellung „Orte des Erinnerns – Nordhausen April 1945“ in der Flohburg zu sehen.
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