Der Roland und sein Fest – Ein Ausflug in die Geschichte

Dienstag, 28.März 2017, 10:37 Uhr
Nordhausen (psv) Mit der traditionellen Schlüsselübergabe der Stadtoberen am 9. Juni an die Rolandgruppe wird in diesem Jahr das 49. Rolandsfest eröffnet. Dazu im Folgenden eine Ausflug in die Geschichte zum größten Volksfest in der Region und ihrer Darsteller, der Rolandgruppe.

Rolandgruppe (Foto: I. Bergmann)

Der Roland und sein Fest – Ein Ausflug in die Geschichte


Nordhausen (psv) „Unser Roland steigt von seinem Sockel und mischt sich unter sein Volk!“ So ging der Ruf für das erste Nordhäuser Rolandsfest 1955 durch die Stadt. 10 Jahre nach der Zerstörung und der erschütternden Zahl von 8800 Toten waren die Nordhäuser wieder voll neuem Mut und Tatendrang. Diese und der Stolz auf das in den vergangenen Jahren geleistete Aufbauwerk sollten in einem gemeinsamen Fest der Bürger der Stadt ihren Ausdruck finden. Den Roland für diesen positiven Blick in die Zukunft in lebendiger Gestalt, gemeinsam mit drei Weggefährten, auf dem Fest präsent werden zu lassen, ist der Geschichte unserer Stadt zu verdanken.

1090 Jahre feiert Nordhausen in diesem Jahr, folgt man der ersten urkundlichen Erwähnung der Übertragung von Gütern durch Heinrich I. an seine Frau Mathilde am 13. Mai 927. Wohl sind die ersten Siedlungen im Altendorf und am Frauenberg noch deutlich früher, um 530 bis 700 entstanden, doch folgt der Stadtgeburtstag seit jeher dem Schriftstück. In all den Jahren durchlebte unsere Stadt eine wechselvolle Geschichte des Aufbaues und der Veränderung, der wirtschaftlichen Blüte und Zerstörung. Die den Platz am Rathaus prägende Figur des Rolands ist dabei ein Sinnbild für den Wandel in unserer Stadt. Dabei ist bis heute nicht gesichert, wann die erste Rolandsfigur und mit welchem genauen Hintergrund sie aufgestellt wurde. Als wahrscheinlich korrekteste Forschung gilt Folgende:

Freiheits- und Rechtssymbol: Roland (alias Michael Garke)

Nach dem Sturm auf das Riesenhaus 1375 wurde der bis dahin aus Patriziern bestehende Rat abgesetzt. Der neu entstehende wurde aus Handwerkern gestellt und erließ ein neues, demokratischeres Rechtswahlverfahren, das in die Statuten der Stadt aufgenommen wurde. Vermutet wird daher, dass die Errichtung des Nordhäuser Rolands in den Folgejahren diese Veränderung der freien Stadtgemeinde für alle sichtbar machen sollte. Die Verbindung zur „sigma libertatis“, die den Roland als Freiheits- und Rechtszeichen ansieht, wäre dementsprechend erst im Laufe der Jahre entstanden, da jeder Roland nur die individuellen Rechte der jeweiligen Stadt darstellt. In Nordhausen würde das nach der Aufstellung das Markt- und Münzrecht sowie das Gericht umfassen.

Ob als Standbild oder unter den Feiernden des Festes weilend, unser Roland repräsentiert den Stolz der Nordhäuser, ihren Einfluss auf die Geschicke der Stadt und ist mahnendes Symbol, diese Errungenschaften und die damit verbundene Freiheit zu erhalten. Unverändert ist der Name des größten Stadtfestes der Region mit „Rolandsfest“ ein Zeichen für uns Nordhäuser, gemeinsam unsere Stadt und dieses Fest zu gestalten – denn bis heute lebt, verändert und entwickelt sich Nordhausen durch jeden Bürger.

Was hat es aber mit den Gefährten des Rolands auf sich, ohne die das Rolandsfest ebenso wenig denkbar ist und deren ironisch-kritischer Blick auf unser Stadtgeschehen jedes Fest begleitet? Bürger unserer Stadt waren auch Professor Zwanziger und der Alte Ebersberg – wie diese gewirkt haben, um es zu solcher Jahrhunderte überdauernden Bekanntheit zu bringen, zeigen vor allem erhaltene Geschichten über und mit den beiden Herren.

Heiter bis wolkig: Prof. Zwanziger (alias Winfried Schmidt)

„Professor“ Johann Ferdinand Zwanziger, Handschuhmacher und mit zu den Ärmsten der Stadt gehörend, lebte von 1844 bis 1919 in Nordhausen. Seine Originalität bestand zum einen in der Wahl seiner Kleidung, die deutlich aus der vergleichbar Armer heraus stach: Zylinder, Gehrock und Handschuhe sowie Stock und seine Vorliebe für eine Zigarre galten als Merkmale. Durch diese und seine wohl eher geringe Körpergröße, gepaart mit seinen in größtem Ernst vorgetragenen, jedoch kaum inhaltlich aussagekräftigen, Wetterprophezeiungen, war er den Nordhäusern bekannt. Das er die tatsächlichen Vorhersagen des Wetters dem öffentlichen Aushang an der Hauptpost entnahm, tat seinen persönlichen Angaben keinen Abbruch. Regelmäßig wurde er dabei auch Ziel von Scherzen, welche diverse „weltweite“ Würdigungen für seine „Arbeit“ beinhalteten. Sie alle nahm er jedoch mit so würdiger Miene und Freude hin, dass letztlich unklar war, wer denn wen verulkte. Diese Mischung aus scherzhaft-ernster Selbstdarstellung, ironischer Wahrnehmung und seiner Präsenz mit Fernrohr, Bleistift und Notizblock in der Ledertasche führte zum anfangs hämischen, letztlich fast ehrenvoll benutzten Titel „Professor“ und machte ihn unvergesslich als Wetterpropheten von Nordhausen.


Ein Jägersmann mit Witz und Charme: Alter Ebersberg (alias Jörg Menge)

Ein Jägersmann mit Witz und Charme und einer Vielzahl weiterer Qualitäten war Karl Ebersberg, der keineswegs erst in hohem Alter zum erinnerungswürdigen Original wurde, wie die Bezeichnung „der alte Ebersberg“ vermuten lässt. Der „Ohle“ aber diente nur zur Verdeutlichung, dass nicht sein Sohn gemeint war bei dem, was an Streichen erzählt wurde; und von denen bot der geistreiche Gerber, Gastwirt und spätere Marktmeister den Nordhäusern in jeder Lebenslage mehr als genug. Vom Forstbediensteten bis zum Richter war niemand vor seinem Schalk sicher. So aß er einer Jagdgesellschaft die besten Spargelspitzen und die leckeren Kalbsnierchen weg, um dem armen Wirt zu ersparen, den hohen Gästen derart schlechtes Essen vorsetzen zu müssen; ließ sich von einer schlecht zahlenden Marktfrau tief in die abgeschnittene Hosentasche greifen, um dort viel Karl, nur nicht seinen Geldbeutel zu finden und schaffte es, einen ehrbaren Fleischermeister zum Beginn einer Bahnfahrt ein schweißtreibendes Versteck unter der Sitzbank aufsuchen zu lassen... Viele der Anekdoten fanden durch mundartliche Überlieferung ihren Weg in „Nordhieser Schnurren“ – und „Der alte Ebersberg“ im Jagdgewand als Dritter im Bund in die Rolandgruppe.

„…und Zehn ist keins – das ist das Hexeneinmaleins“: Hexe (alias Anett Theuerkauf)

Den drei benannten Herren zur Seite steht mit Besen und spitzer Zunge die Brockenhexe. Sie ist nun wahrlich nicht von ansprechender Gestalt, doch ihre Herzlichkeit gegenüber dem Bürger und der Humor, mit dem auch sie auf städtische Unzulänglichkeiten anspielt, öffnen ihr Tür und Tor. Als Harzer Sagengestalt steht sie dabei für die schon immer enge Verbindung Nordhausens zum Harz, durchaus aber auch für die Erinnerung an die Hexenverfolgung in Nordhausen, die zum Glück durch die Gedanken der Aufklärung ein Ende fand. Goethe, der während seiner Harzreise auch durch Nordhausen kam, setzte den Hexen mit seiner Darstellung der Walpurgisnacht auf dem Brocken im „Faust“ ein Denkmal in der Weltliteratur. Zwar können wir mit unserer Hexe des Rolandsfestes nicht ganz so hoch hinauf fassen, doch ein Wortduell mit der strubbelhaarigen Dame in Schürze und Tuch oder ein Mitreiten auf ihrem Besen ist für jeden Besucher des Rolandsfestes ein gleichfalls unvergessliches Erlebnis!